Ein Bericht aus der Berliner Zeitung vom 2. Dezember 2020. Die Autorin Birgit Walter singt im Chor STUDIOSI CANTANDI unter der Leitung unseres ehemaligen Korrepetitors Norbert Ochmann. – Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Berliner Zeitung.

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Berlins Laienchöre leisten in diesen Monaten, in denen das gemeinsame Singen unter Ansteckungsverdacht steht, Unerhörtes. Sie proben unter schwierigsten Bedingungen, machen Mut und sind vielen ein Zuhause

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Die Fuge „Libera me“ für vier Stimmen zum Ende des Verdi-Requiems dauert knapp sechs Minuten, es geht um Leben und Tod. Die Angst vor dem Jüngsten Gericht soll schon hörbar werden, aber bitte, ohne das hohe Fis da oben im Alt so angestrengt knattern zu lassen. Also: Leichtigkeit, schwebende Töne, Crescendo nicht vergessen! Mein Chor studiosi cantandi Berlin hat diese Fuge wohl hundert Mal geprobt, vom unsicheren Gestolper bis zum geschmeidigen Durchsingen, er beherrscht sie jetzt.

Als würde es nicht reichen, wenn ein Laienchor in Corona-Zeiten eine 70-Minuten-Messe in Latein bis zur Aufführungsreife bringt, soll das Publikum im Konzert jetzt auch noch mit einem Multi-Video über das Üben der Fuge beglückt werden. Dafür soll nun jeder allein zu Haus den Schlusssatz einsingen und mit dem Handy in Bild und Ton aufnehmen.

Ein Solo also – weit tückischer als vermutet. Es fördert jeden vernuschelten Konsonanten zutage, jedes falsche Atmen und eine Stimme, die bei mir klingt wie ein bröselnder Radiergummi. Hilfe, wenn das einer hört, bist du draußen, denke ich beim 13. Versuch. Also noch einmal.

Der Schrecken sitzt tief

Die Pandemie hat die Kultur ins Mark getroffen, ohne Publikum geht es ihr an die Substanz. Psychotherapeuten haben zu tun in dieser Zeit. Immerhin vergeht kaum eine Rede, in der nicht die Systemrelevanz der Kunst beschworen, die Not der Künstler anerkannt wird – zu Recht. Niemals dagegen fällt ein Wort über das Daseinsrecht von Kultur-Amateuren wie Chören. Bei ihnen geht es schließlich nicht um die wirtschaftliche Existenz wie bei den Gastwirten, Messebauern, Kabarettisten.

Aber das Singen ist plötzlich negativ behaftet oder – wie jetzt – komplett verboten. Nachdem sich bei einer Chorprobe in der Berliner Domkantorei Anfang März 60 von 80 Menschen mit dem Coronavirus angesteckt hatten, weil eine einzelne Sängerin infiziert war, verstummten alle Gesänge bis in die kleinste Kirchengemeinde. Der Schrecken sitzt tief. Doch leider gelten Chöre zu Recht als Aerosolschleudern, gefährlicher noch als Blasinstrumente in Orchestern. Messungen ergaben, dass der Ausstoß der feinen unsichtbaren Schwebeteilchen beim Singen mindestens zehnmal so hoch ist wie beim Sprechen. Das kann sogar hochschnellen bis zum Sechzigfachen an Partikeln – wie beim Husten oder Niesen. Aerosole können Viren tragen und sich anreichern. Zweieinhalb Meter Abstand zueinander sollten deshalb eingehalten, die Räume oft und gründlich gelüftet werden.

Gerhard Schwab, Chef des Chorverbands Berlin, ist immer noch erschüttert, dass er auf einmal das Singen verteidigen muss. Er vertritt den größten Verein der Hauptstadt: 12.000 Sängerinnen und Sänger in 300 Chören – und das sind nur die Verbandsmitglieder. Insgesamt wird die Zahl der Chöre in Berlin auf 2500 geschätzt, die der Choristen auf 100.000. Bundesweit gehen die Zahlen in die Millionen. „Das ist eine gewaltige Kraft, die zum Zusammenhalt der Gesellschaft beiträgt“, formuliert Schwab und entschuldigt sich gleich für die Floskelhaftigkeit dieses Satzes.

Aber er stimmt ja. Singen ist nicht einfach ein Glücksspender, wie in Studien über Serotoninproduktion oft belegt. Ein Chor ist vielen ein Zuhause und lässt sich in einer Stadt mit 30 Prozent Singles auch locker als Mittel gegen Vereinsamung vor dem Computer einstufen. Zumal in einer Zeit wachsender virtueller Blasen, in der sich Pandemieleugner und Demokratiehasser radikalisieren. Sollen da etwa alle aufhören zu singen und einfach ein, zwei Jahre pausieren? Schwab berichtet, dass das Singen vielen nicht nur Ausgleich bedeute. Aus dem Charité-Chor höre er, dass die Singe-Gemeinschaft helfe, die Hochleistungsarbeit tags darauf zu bewältigen. Viele Chöre suchen nach Wegen, weiterzumachen. Der Verband kann Hilfe leisten. Aber wie singt man zusammen, wenn es verboten ist oder zumindest gefährlich?

Natürlich mit Abstand, mit noch viel mehr Abstand als im normalen pandemischen Leben. Und aus der entfernten Beobachtung der eigenen Chorleitung kann ich berichten, dass man sich von dem irren Aufwand, einen Amateurchor zu leiten und ihn dann auch noch durch eine Seuche zu dirigieren, keine Vorstellung macht. Nicht mal in der Kulturwelt, die ja weiß, wie es ist, alle Kräfte auf eine Premiere oder Tournee zu konzentrieren, die dann über Nacht in ein leeres Nichts zerfließt.

Ein Laienchor ist schon ohne Pandemie ein räuberischer Zeitfresser. Steht er nicht unter dem Dach der Kirche, organisiert und zahlt er bis zur letzten Note alles selbst: den Probenraum, die Einladungen, den Kartenverkauf, den Konzertsaal, das Programmheft, die Abrechnung und natürlich Profis wie den Chorleiter und die Solisten im Konzert.

Dazu kommen endlose Anträge auf Fördermittel, um sich etwa klassische Auftrittsorte wie die Philharmonie oder das Konzerthaus leisten zu können. Trotz Mieten bis zu 11.000 Euro pro Abend suchen sich die Häuser aus, wen sie reinlassen – es geht nach Leistung. Man muss schon etwas vorweisen. Studiosi cantandi, größter Berliner Laienchor, hat Carmina Burana mit 280 Stimmen gesungen, alle sechs Teile des Weihnachtsoratoriums am Stück aufgeführt, aber auch eine absurd schwierige Messe in Zwölftontechnik von Christian Paczkowski als Uraufführung gestemmt. Er darf da rein.

Vorher freilich laufen Endproben mit Orchester in der bewährten Schulaula im vierten Stock. Dort hinauf mu?ssen auch alle Instrumente. Dann heißt es nicht nur Stühle rücken, sondern auch Pauken und Keyboards schleppen, dabei rebellierte schon manche Bandscheibe. Nicht zu vergessen die Wochenenden für intensive Proben in furchtbar bescheidenen Kinderferienlagern, weil ja alles für alle bezahlbar bleiben soll. Studiosi cantandi ist gut gemischt, von der Studentin bis zum Firmenchef, die klammen Doppelstockbetten und die lausige Kantinenverpflegung müssen alle ertragen. Und wehe, jemand erwägt mal eine Vergütung aus der Chorkasse für die besonders Engagierten, da heißt es dann: Das ist ein Ehrenamt, da muss die Ehre reichen!

In Corona-Zeiten verschärfen sich die Anstrengungen für das gemeinsame Singen um ein Vielfaches. Studiosi setzte nach dem ersten Shutdown im März erst mal digitale Proben an. Norbert Ochmann, 53, Dirigent, Pianist, Tonmeister und seit einem Vierteljahrhundert Chorleiter von studiosi cantandi, ist fraglos ein genialer musikalischer Kopf. Er kann acht Stimmen und dazu alle Orchesterpartituren verinnerlichen, jeden verspäteten Einsatz und falschen Ton aufspüren, aber das Verknüpfen von Rechnern und endlosen Kabeln für einen digitalen Livestream – das übernimmt er nicht, nicht allein. Die ersten Streaming-Versuche kamen aus wechselnden Wohnzimmern, doch Ton oder Bild wollten nicht zu allen Endgeräten vordringen, schon gar nicht gleichzeitig. Die Schaltungen erforderten tagelange Tüfteleien – zum Glück erledigt von Leuten aus dem Chor. Studiosi hat sich für das Verdi-Projekt mit dem Tonkollektiv der Hochschule für Technik und Wirtschaft sowie dem Kammerchor Bethanien zu einem Groß-Chor formiert – und damit höchste digitale Kompetenz gesichert. Und dann funktionierten die Livestreams eben doch – mehr als 40 Mal.

Die Chorsänger zu Hause an den Bildschirmen bekamen von den Kabel-Dramen nicht viel mit. Ein motivierender Chorleiter, ein heiterer Korrepetitor, wenigstens eine Live-Stimme in Sopran, Alt, Tenor und Bass quasi als Leitmedien, dazu endlose Chat- Kommentare erlaubten, dass sich viel vom gewohnten Chorgeist bald auch über den Laptop ausbreitete. In einem Laien-Chor ist der Weg das Ziel, aber ohne Ziel macht sich keiner auf den Weg. Alle brauchen die Aussichtauf diesen großen Moment der Aufführung: Verdis Requiem mit 120 Choristen und Musikern im Konzerthaus Berlin. Dafür reichen keine Digitalproben, das braucht zum Schluss physische Anwesenheit. Aber unsere gewohnte Schulaula in Mitte ist zu klein, verlangt außerdem geschlossene Fenster: Die Bewohner der neuen schicken Lofts gegenüber hatten sich schon vorher über „Chorlärm“ beschwert.

Ab Ende August landeten wir in einer ehemaligen Orwo-Fabrikhalle in Marzahn: riesig, zugig, ohne Fenster und Akustik. Aber dankbar für ihre Entdeckung räumten wir vor allen Proben die Stühle auf die markierten Plätze, kamen uns nicht nahe, hörten kaum die Stimme der anderen – bloß kein Risiko, auch nicht danach in der Kneipe. Und das alles für anderthalb Stunden Aufführung im Konzerthaus.

Selbst der Chorleiter, der sich als hochgetunter Profi nie beklagte über die Basis-Arbeit mit Laien – viele singen nicht mal vom Blatt –, schien zwischenzeitlich Grenzen der Zumutung auszuloten. Normalerweise schickt er einem lärmigen Zuspätkommer nicht mal einen strafenden Blick, aber jetzt wird er fuchsig, weil bei den Endproben festgelegte Plätze „unerlaubt“ getauscht werden. Einmal schrieb er, wie es ist, mit so unterschiedlichen Leuten immer wieder bei null anzufangen, sich durch die Höhen und Tiefen eines Projektes zu wühlen, zählte auf, was er dabei alles liebt und – interessanter! – hasst: das grausame Neonlicht, die Antiakustik, die endlosen Stufen, die schweren Keyboard-Särge, die eingeklemmten Finger in Notenpulten, die dreckigen Hände an medusaesken Kabelhaufen, das Aufräumen, das lästige Gebettel um Unterstuützung. Fünf Stunden Aufwand für zwei Stunden Erlebnis: Wo ist die Relation?

Zuschuss bewilligt, Abstände gemessen

Na, nirgends. Und doch: Zur Tutti-Probe mit der Jungen Philharmonie Kreuzberg Ende Oktober in der Emmaus-Kirche kehrte die Euphorie zurück. Da waren das Konzerthaus gebucht, der Zuschuss bewilligt, die Abstände gemessen, die Tickets gedruckt: Der Chor würde sich im gesamten Parkett verteilen, das Orchester auf der Bühne, das Publikum nur im Rang. Noch raffinierter, noch sicherer, noch aufwendiger kann ein Hygienekonzept nicht ausfallen. Ist natürlich nichts zum Geldverdienen.

Nach diesem Kraftakt schien uns eine erneute Schließung der Bühnen ganz unvorstellbar. Gerald Schwab vom Chorverband berichtet, nach dem Drama in der Domkantorei sei von einem Chor nie wieder eine Infektion ausgegangen. Studiosi cantandi verstummte nach der Verkündung des neuen Shutdowns erschrocken.

Dann nahm der Chor die Digitalproben für das Folge-Projekt auf – Brahms – und begann den Kampf um einen neuen Termin für den ersehnten Verdi-Auftritt. Das Konzerthaus bot einen Abend im Juni an. Nein! So lange werden wir nicht in Corona-Starre fallen. Eher kommen die ausgetüftelten Sitzpläne in die Tonne und das Konzert läuft im Park.

Birgit Walter