Wer wegen „Covid-19“ schon die Absage der Reise in Winter 2020 erhält, sei aber bitte nicht traurig. Bei mir im „RIEisebüro“ können Sie ohne Pass, ohne Visum und kostenlos ins Ausland fliegen. (Apropos, die Mundschutzmaske können Sie auch zu Hause lassen) Sie brauchen in die Reisetasche nur Ihre Fantasie einzupacken. Vielleicht ein paar Taschentücher? Wenn Sie mögen.

Sind Sie bereit? OK, dann jetzt ab zum Boarding.

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Meine Damen und Herren, wir begrüßen Sie an Bord der „SPANDAU“ auf unserem Flug nach Paraguay. Bitte nehmen Sie nun Ihren Sitzplatz ein. Bitte beachten Sie, dass Mobiltelefon an Bord unseres Flugzeugs erlaubt ist. Schalten Sie bitte nun auch andere elektronischen Geräte nicht aus. Wenn Sie doch Stromkosten sparen möchten, dann entscheiden Sie sich bitte selbst. – Meine Damen und Herrn, wir bedanken uns für Ihre Aufmerksamkeit, und wir wünschen Ihren nun einen angenehmen Flug nach Paraguay.

Vielen lieben Dank.

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Waaaaas, nach Paraguay?

Wo ist das denn eigentlich… Warum fliegen wir nach Paraguay?

Paraguay (República del Paraguay) ist ein kleines Land in Südamerika, nicht so bekannt wie Brasilien oder Argentinien. Die vorherrschende Theorie ist, dass Paraguay ursprünglich ein guaranisches Wort war, das „von einem großen Fluss“ bedeutet. Der große Fluss ist der Parana River, und es gibt eine andere Theorie, die besagt, dass „Menschen Vogelkronen Tragen“.

Aber Paraguay ist nicht unbekannt für Deutschland. Obwohl es 10.907 km weit entfernt ist. Die ersten deutschen Einwandere kamen bereits 1537 mit den spanischen Erobern ins Land. Danach, um 1880, kamen Landwirte aus Deutschland.Von deutschen Auswanderern wird häufig Deutsch gesprochen. Fünf bis sieben Prozent der paraguayischen Bevölkerung sind Einwanderer deutsche Herkunft. Vielleicht können wir dort Eisbein und Kartoffeln bestellen. (Tatsache… dort gibt es deutsche Restaurants und Bäckereien).

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Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten beginnen wir mit unseren Landeanflug auf Paraguay. Wir bitten Sie nun, sich wieder hinzusetzen. Vielen Dank.

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Es gibt eine Stadt namens Cateura in der Nähe von Asuncion, der Hauptstadt dieses Landes. Wir besuchen heute diese Stadt. Obwohl es eine Stadt ist, ist dies eine Mülldeponie. Die meisten der 2500 in dieser Stadt lebenden Familien haben die Aufgabe, Kunststoffe und Pappen aus einem Stapel von mehr als 1.500 Tonnen Müll herauszusuchen, der täglich transportiert wird, und sie an einen Recycler weiter zu verkaufen.

Hier in Cateura müssen viele Kinder unter schlechteste Bedingung als Abfallsammler arbeiten. Da Paraguay von der Landwirtschaft abhängig ist, ist es gezwungen, ein instabiles Leben zu führen, das vom Wetter und vom Markt beeinflusst wird. Daher bringt es eine beträchtliche Anzahl armer Menschen hervor. Immer mehr Menschen verkaufen Drogen und Marihuana, um ein besseres Leben zu führen und auf dem Schwarzmarkt erfolgreich zu sein. Unschuldige normaler Arbeiter haben dagegen ein schwieriges Leben.

Dieser arme Slum, in dem Land und Wasser mit Müll verschmutzt sind und Gangster und Drogenabhängige das Bild bestimmen, zieht jetzt die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich – weil in dieser Stadt ein „Recycling-Orchester“ gründen wurde, das schöne Musik mit Instrumenten aus Müll spielt.

Dieses Orchester unter dem Namen „Landfill Harmonic“ (Bedeutet: Deponie-Orchester) wird in einem Film (2015) der US-Regisseure Graham Townsley & Brad Allgood vorgestellt (Hier können Sie Trailer anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=VVaB8qEuR4E).

Wer hat das gedacht, dass Kinder hier in der Müllstadt Instrumente lernen können?

Dafür zeigen die Leute ihre handwerkliches Talent, geschickte Hände, Kreativität und Fantasie. Zum Beispiel:

  • Geigen aus Blechdose und Gabeln.
  • Flöte aus Wasserpfeifen, Löffeln und alten Mützen.
  • Cellos und Kontrabässe aus alten Ölfässern
  • Gitarren aus leeren Konservendosen
  • Querflöte aus altem Wasserrohr

Die Kinder spielen mit „fantastischen“ Instrumenten die Werke von Mozart, Vivaldi, Haydn und so weiter. Es klingt wie ein echtes Orchester. Obwohl es sich um spielzeugähnliche Instrumente handelt, ist die Musik der Kinder von Cateura so schön wie auf echten Instrumenten.

Wir, die im wirtschaftlich erfolgreichen Deutschland wohnen dürfen, können uns nicht vorstellen, dass es für Kinder keiner Möglichkeit gibt, Musik zu lernen… So wie es für uns selbstverständlich ist, dass wir sauberes Wasser aus dem Wasserhahn bekommen. Aber wir vergessen, dafür dankbar zu sein…

Eine Schülerin sagte: „Ohne die Musik wäre mein Leben wertlos.“

Das Recycling-Orchester wurde von Herrn Luis Szarán und Herrn Favio Chávez gegründet. Herr Szarán organisiert Weltprojekte zur Armutsbekämpfung durch Musik. Herr Chávez ist einem ehemaligen Musiklehrer und im Müllrecycling-Geschäft tätig. Er ist studierter Umwelttechniker. Nachdem er in der Stadt, in der er geboren und aufgewachsen war, ein Orchester für Jungen gegründet hatte, erfuhr er, dass Cateuras Kinder schon früh zu Arbeit auf einer Mülldeponie gebracht wurden und nicht einmal zur Schule gehen konnten.

Herrn Chávez erzählt: „Ich bin entschlossen, ihnen Musik beizubringen. Ich habe angefangen, meinen Kindern mit meinen eigenen Instrumenten Musik beizubringen, aber die Anzahl der Kinder, die Unterricht wollen, steigt und mir gehen die Instrumente aus. Es ist unmöglich, ein neues Instrument zu kaufen, da eine Geige teurer ist als der Preis eines Hauses in Cateura. Und selbst wenn Sie ein teureres Instrument kaufen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es gestohlen wird.

Eines Tages fand ich einen Geigenkastenauf einem Müllberg. Das war auch ein Grund, Musikinstrumente aus Müll zu herstellen. Also sprach ich mit Herrn Nicolas Gómez (wir nennen ihn „Colá“), einem Zimmermann, der in einer Müllentsorgungsanlage arbeitet, und beschloss, den Müll zu recyceln, um Instrumente herzustellen. Zuerst sagte Colà , er habe noch nie eine Geige gesehen, aber er zeigt bald sein Talent. Mit dem Müll, den ich aufgesammelt habe, werde ich verschiedene Musikinstrumente wie Violinen, Celli, Gitarren, Schlagzeug und Bässe herstellen. Je besser ich es geschafft habe, desto raffiniert wurde meine Technik, und jetzt klingen sie besser als billige Holzviolinen. Musikinstrumente aus Müll werden auch nicht gestohlen. Viele Eltern der Kinder und Nachbarn helfen mit, dadurch wird die Spielfähigkeiten der Kinder und ihre Motivation immer mehr verbessert.“

Herrn Szaràn sagt: „Wir haben durch das Projekt gelernt, dass ein Mensch, egal wie schlimm die Situation ist, sein Leben verändern kann, sogar mit Müll, wenn er die Initiative ergreift und kreativ ist. Durch den Prozess der Herstellung von Musikinstrumenten durch Versuch und Irrtum haben die Kindert gelernt, dass die Dinge nicht über Nacht gehen werden. Mit diesem Orchesterprojekt möchte ich die Armut und die damit verbundene Kriminalität beseitigen und eine soziale Revolution anstreben.“

Seit 2011 bringt das Orchester den Kindern und Jugendlichen nicht nur das Spielen von Instrumenten, sondern auch das Herstellen von Instrumenten bei.

Jetzt besucht das Orchester die Welt und spielt in Konzerthalle im Ausland. Natürlich auch in Deutschland und Japan.

Die Welt schickt uns Müll und wir schicken ihr Musik zurück.

Dieser Satz bleibt so lange bei mir im Herzen. Industrieländer verschwenden Ressourcen mit ihrem Egoismus, produzieren Müll – und entsorgen ihn dann in Entwickelungsländern. Danach appellieren die Industrieländer an den Naturschutz…

Ich denke, dieses Orchester ist ein Beweis für die Liebe und Moral von Erwachsenen in Cateura für ihre Kinder. Nicht wie in den reichen Ländern, wo man Kleidung, die nicht der neuesten Mode entspricht, entsorgt. Ich meine, man sollte lieber alte Kleidungsstücke oder Geräte weiterbenutzen, statt Einweg-Konsum zu betreiben. Eigentlich sind Made-in-Germany-Produkt von hoher Qualität und lange haltbar. Ich habe deutsche Produkte immer sehr gemocht. In Deutschland werden jedes Jahr rund 1,3 Milliarden Tonnen Essen weggeschmissen. In Paraguay suchen Kinder Essbares auf dem Müllberg.

Unsere Reise ist leider langsam zu ihrem Ende gekommen. So langsam packen wir unseren Koffer wieder ein. Was packen Sie in den Koffer als Andenken aus Paraguay?

Ich packe diese Gedanken in den Koffer ein: „Egal, welche schlimme Situation kommt (Beispiel Corona-Lockdown), können Menschen ihre Zwangslage mit Intelligenz und Ideen überwinden.“

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Meine Damen und Herren, wir sind soeben wieder in Deutschland gelandet. Wir hoffen, Ihnen hat der Flug mit uns gefallen und Sie hatten einen angenehmen Aufenthalt. In Namen von Kapitän RIErich Kästner und der gesamten Besatzung hoffen wir sie bald wieder an Bord begrüßen zu dürfen. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt bei der Chorvereinigung Spandau Berlin. Auf Wiedersehen.

Rie Miki

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Anmerkung des Herausgebers:

Diese wunderbare Geschichte erinnert mich sehr an den tollen Dokumentarfilm „Kinshasa Symphony“, über den ich im AEA 4/2015 berichtet hatte. In Kinshasa, der von Armut und Bürgerkrieg gebeutelten Hauptstadt des Kongo, führt ein Laienorchester mit zum Teil selbstgebauten Instrumenten u.a. Beethovens Neunte und Carmina Burana auf. Es klingt wie ein Märchen, ist aber Realität. Hier der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Ox1_Ozlthw0