Es ist der 10. März 2020. In der Aula des Lilly-Brown-Gymnasiums freuen wir uns über die rege Beteiligung an unserer alljährlichen Jahreshauptversammlung. Trotzdem, etwas ist anders, es liegt was in der Luft. In den Nachrichten ist Immer wieder von einem aggressiven Virus namens „Corona Sars-CoV-2“ die Rede. Aus China kommend soll es sich über die ganze Welt verbreiten. Italien erklärte schon gestern, am 09. März, das ganze Land zur Sperrzone. Der Dax verzeichnet den höchsten Verlust seit den Terroranschlägen vom 11. September.

Am 11. März ruft Die WHO eine Pandemie aus. Kanzlerin Angela Merkel warnt vor einer Überlastung des Gesundheitssystems.

Und es kommt, wie es kommen muss. Am 12. März erreicht uns eine E-Mail von Gaby Stoffers. Gaby teilt uns mit, wegen der aktuellen Corona-Situation müssten leider bis zum 21. April zunächst einmal alle Chorproben, sowie das Philharmonie-Konzert ausfallen!

Sehr schade, aber verständlich, und von unserem Vorstand weit vorausschauend gedacht, wie sich bald herausstellen wird. Nach und nach sagen alle Chöre ihre Proben und Veranstaltungen ab, praktisch von jetzt auf gleich.

In einer Fernsehansprache am 18. März spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel von einer Herausforderung von “historischem Ausmaß”. Sie mahnt Solidarität und Disziplin im Kampf gegen das Coronavirus an. Soziale Kontakte müssten minimiert werden. Die EU verhängt einen Einreisestopp. Fast zeitgleich startet das Auswärtige Amt eine Rückholaktion für mehr als 160.000 deutsche Urlauber aus dem Ausland. Wie soll das nur weitergehen?

Tatsächlich brauche ich nicht lange zu überlegen! Ich habe nicht mit dem Einfallsreichtum und der Flexibilität unseres Vorstandes und unseres Chorleiters gerechnet. Für unseren Chor zeichnet sich in Spandau eine digitale Revolution ab! Für den 21.03. kündigt Claas eine Livestream -Chorprobe über YouTube an. Ich freue mich riesig und bin sehr gespannt!

Sogar die Noten kommen von unseren flexiblen Notenwarten einen Tag vorher per Email ins Haus geflattert! Sabine Diemer schickt uns eine Email mit den PDF Dateien der zu probenden Stücke.

Mindestens eine halbe Stunde bevor die Chorprobe beginnt sitze ich am PC, klicke auf den Link, versuche irgendwelche Probleme beim Anmelden bei YouTube und Microsoft zu beherrschen.

Und siehe da, plötzlich bin ich drin! Mittendrin in einem virtuellen Chat mit Gleichgesinnten, mit vielen unserer Chorsänger:innen. Freudig werden wir von unserem Uli begrüßt. Wie selbstverständlich veranstaltet er von seinem Wohnzimmer aus über YouTube eine Chorprobe im Livestream, als hätte er die Proben nie anders geleitet! Es ist ein wunderbares Gefühl! Plötzlich und unerwartet ist man nicht mehr total von den anderen abgekoppelt. Soziale Kontakte sind es zwar gerade nicht, aber immerhin, es sind Kontakte zu Gleichgesinnten. Das Abenteuer „Virtuelle Chorproben“ kann beginnen!

Bei den nächsten virtuellen Proben stürzt immer mal der Kanal ab oder wird unterbrochen. Ich sitze vor meinem Rechner, bin etwas verzweifelt, was sollen wir tun?

Und wieder hat unser Vorstand gute Ideen! Es gibt schließlich noch andere Livestream-Programme! Es wird gezoomt und kiwigetalkt! Und wir stürzen nicht mehr ab! Auch Jake hat sich eingeklinkt, um Uli tatkräftig zu unterstützen!

Vom 12. bis zum 14.06. findet sogar ein virtuelles Chorwochenende mit anschließendem virtuellen Stammtisch statt! Man spricht sich wenigstens mal und tauscht sich aus, wenn auch nur am Bildschirm!

Endlich, ganz vorsichtig, darf man sich auch mal, leider ohne zu singen, im Park treffen. Das wird von einigen wenigen gerne angenommen. Ich bin zu der Zeit nicht in Berlin, kann also leider nicht mitreden. Den Anwesenden hat dieses einmalige, persönliche Treffen sehr gut getan.

Aber wie verhält es sich mit dem gemeinsamen Singen?

Die Zeit vergeht. Die Einschränkungen, die die Bundesregierung erlassen hatte, werden gelockert. Nur nicht für Chöre. Puh, das kann doch nicht sein! Haben die Verantwortlichen Politiker uns vergessen?

Nein, haben sie zum Glück doch nicht. Denn es stellt sich heraus, dass singen überhaupt, und in geschlossenen Räumen sowieso, für die Verbreitung dieses Virus sehr gefährlich ist. Damit habe ich nicht gerechnet, und ich denke, mit dieser Meinung nicht allein dazustehen.

Aber zum Glück haben wir ja immer noch unsere virtuellen Chorproben, die bis zu den Sommerferien dauern und für mich mit der Zeit zum normalen Alltag dazugehören. Sie ersetzen zwar nicht die persönlichen Kontakte, die mir ziemlich fehlen, aber ein kleines Highlight sind sie schon.

Nach den Ferien ist es plötzlich soweit! Endlich dürfen wir gemeinsam singen, und zwar draußen und mit einem Abstand von mindestens 2 Metern. Dank Joachim und der Schnelligkeit unseres Vorstandes steht uns für unsere „Draußen-Chorprobe“ die Bastion Kronprinz in der Zitadelle Spandau zur Verfügung. Ein toller Proben-Ort. Abgeschirmt vom Verkehrslärm können wir uns donnerstags jetzt immer draußen in der Zitadelle treffen und mit Abstand gemeinsam singen. Beim ersten Treffen am 6. August sind es vielleicht nur 20 Chormitglieder. Aber jede Woche kommen immer mehr dazu. Am 27.08. feiern wir dort oben sogar Ulis Geburtstag! Erst als wir kaum noch die Hand vor Augen sehen können, treten wir den Heimweg an.

Das Problem des Outdoor Singens wird uns jedoch von Woche zu Woche bewusster. Es wird immer früher dunkel und auch nasskalt.

Eine neue Verordnung des Berliner Senats sagt, dass das Chorsingen in geschlossenen Räumen unter bestimmten Hygienebedingungen erlaubt ist. Dabei müssen die Sänger:innen untereinander einen Mindestabstand von 2 Metern in alle Richtungen einhalten, zum Publikum sollten mindestens 4 m Distanz bestehen. Nun haben wir ja in der Chorprobe kein Publikum, aber so groß ist unsere Aula nun doch wieder nicht, dass alle Sänger:innen einen Mindestabstand von 2 m zum Nachbarn einhalten könnten. Also brauchen wir eigentlich einen größeren Probenraum. Aber wo gibt es den? Aber wieder findet unser Vorstand gemeinsam mit Uli eine Lösung. In der Aula werden jetzt immer nur die Chorproben für zwei Stimmen gemacht. Für die Chorsänger:innen, die nicht an der Live-Probe teilnehmen können, werden weiterhin virtuelle Chorproben zur Verfügung gestellt.

Leider ist es damit am 31. Oktober auch vorbei. Eine neue Corona Verordnung zwingt uns ab 2. November die Chorproben nur noch virtuell wahrzunehmen. Aber was bedeutet eigentlich „nur virtuell“? Es ist einfach nur wunderbar, wie gut Ulli von zu Hause aus die Chorproben managet. Es ist, als würde er in der Aula vorne am Klavier sitzen. Stellen, die schwierig zu sein scheinen, lässt er uns auch mehrmals hintereinander singen. Dabei hört er uns doch gar nicht, jedoch scheint er genau zu wissen, wo unsere Probleme liegen. Jede Stimmgruppe hat 1 Stunde Chorprobe. Für die Stimmgruppen, die am Live-Chat nicht teilnehmen können, produziert Jake Proben-Videos. Das Beste daran ist, dass all die virtuellen Chorproben abgespeichert werden und über YouTube jederzeit aufgerufen werden können.

Was für ein Jahr geht da zu Ende! Wir hatten Glück! Wir haben einen hervorragenden Vorstand, der sehr schnell reagiert hat, und alles wunderbar organisiert hat. Wir haben einen sehr flexiblen Chorleiter, der nicht müde wurde, mit uns neue Stücke von seinem Wohnzimmer aus einzustudieren. Wir haben Jake, der Uli mit virtuellen Proben oder mit Proben-Videos gut unterstützt hat. Hierfür möchte ich mich im Namen aller Sänger:innen bei Euch (lieber Claas, liebe Ellen, liebe Gaby und lieber Johannes, lieber Uli und lieber Jake) ganz herzlich bedanken!
Was wären wir ohne Euch! Ich bin froh und glücklich, Mitglied in diesem wunderbaren Chor zu sein!

So wie das alte Jahr zu Ende geht, wird wohl das Neue Jahr anfangen. Aber dann, irgendwann wird es wieder aufwärtsgehen. Ich freue mich heute schon auf das erste Treffen mit Euch!

Alles Gute für uns alle für das Neue Jahr!

Uschi Straßburg