Nach Berlin bin ich gezogen, nachdem ich in Rente gehen konnte, um so viel Kultur wie möglich zu erleben. Wo kann man das besser als in der Hauptstadt, dachte ich. Die „Weltstadt auf Zeit“, Bayreuth, hatte mir zwar Weltklasse- Sänger-Niveau geboten bei den Bayreuther Wagner Festspielen, aber leider nur für 5 Wochen im Sommer. Ich wollte als Rentnerin sozusagen nur noch Kultur geniessen rund um die Uhr, nachdem ich ein Leben lang selbst Musik gemacht hatte. Ich bin unersättlich,wenn ich Kultur live erleben kann! Dass ein Virus, Corona, mich von all dem abschneiden würde, was mir am wichtigsten im Leben ist und zudem den Kontakt zu anderen Menschen, zu unserem Chor beispielsweise, völlig beschränken würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Mich hat die Corona Situation gelähmt und ich habe zu nichts mehr Lust! Nur Fahrrad fahren habe ich im Alter noch mal neu gelernt und ich habe mir ein süsses neues kleines Fahrrad gekauft.

Am 7. Dezember sehe ich sonst mit grosser Erwartung im Fernsehen ein Opernereignis an: die alljährliche Saisoneröffnung der Mailänder Scala. Dieses Mal konnte ich mich knapp dazu aufraffen, ein stattdessen stattfindendes Sonderkonzert ohne Publikum „A riveder le stelle“ aus der Scala einzuschalten, denn Corona hatte auch der Opernpremiere den Garaus gemacht – vorher kam die Mailänder Scala nur einmal zum Stillstand: 1943, als mitten im zweiten Weltkrieg Bomben auf sie fielen.

Der Sog der wunderbaren Musik, seiner Interpreten und die Inszenierung zog mich sofort in den Bann, denn die Bedeutung von Live Musik und Kunst für die Menschen – in Zeiten des fast völligen Fehlens durch die Corona Pandemie – wurde in unnachahmlicher Weise zelebriert und verdeutlicht. Das Konzert in seinem Gesamtkonzept hat mich vollkommen begeistert und gab aber auch, vor dem Hintergrund der Seuche, ein surreales Gefühl.

Zum Einstieg streifte die Filmkamera anfangs in schneller Abfolge über das nächtliche Mailand. In einigen Sequenzen reichten besondere Laserstrahlen über die Stadt, in Erinnerung an eine einzigartige Kunstaktion, der „Space Waste Lab Performance“, wo einzelne Weltraumabfälle, die zu Tausenden die Erde umkreisen, als „ästhetisches“ Phänomen sichtbar gemacht wurden. Dazu erklang die silberne Stimme, der dieses Jahr verstorbenen, weltberühmten italienischen Sängerin Mirella Freni mit der Arie der Adriana aus der Oper Adriana Lecouvreur „io son l’umile ancella“. „Ich bin eine bescheidene Dienerin“ postuliert Adriana, zu ihrer Zeit tatsächlich die größte Schauspielerin Frankreichs. Indem sie sich nur als einfache Interpretin, als Ausführende der Kunst darstellt, spricht die Opernfigur Adriana eine viel diskussierte Frage, über die Jahrhunderte an – und es wird der Rahmen für das Konzert gesteckt: eine allererste Garde von Künstlern in dem berühmtesten Opernhaus der Welt im Dienst der Kunst.

Der Regisseur Davide Livermore setzt eine Geschichte der Oper und deren Bedeutung in einer raffiniert angelegten Inszenierung um mittels „Tableaux vivants“ (lebende Bilder) – eine Technik mit einer langen Tradition seit dem Mittelalter.

Nicht von ungefähr war der Titel gewählt „A riveder le stelle“. Er spielt auf den letzten Satz aus Dante Alighieris „Inferno“ (Hölle) an. Dante hat mit seiner „Göttlichen Komödie“ die italienische Sprache geformt. In der Göttlichen Komödie erreichen der fiktive Dante und sein Begleiter Virgil den Ausgang der Hölle und „sehen die Sterne wieder“ und haben dadurch die Hoffnung durch das Fegefeuer zum Paradies emporsteigen zu können – eine starke Metapher für die Corona Pandemie und deren Bewältigung in dem so tragisch betroffenen Italien.

Bevor prägnante Opernarien eine emotionale Operngeschichte, aufgegliedert in einzelne Tableaus, erzählen, stellte die Regie zuerst eine Putzfrau-Schauspielerin auf die Bühne. Diese stimmte a capella auf der Bühne die italienische Nationalhymne an, zu der bei einer normalen Premiere das Staatsoberhaupt und die anderen illustren Zuhörer sich erheben. Die Hymne und das gleich darauf gezeigte Innenleben des Opernhauses, Technik und Maschinerie, die die Bühne bewegt, implizierte, dass alle an einem Strang ziehen, nur so kann ein Opernhaus funktionieren. Unausgesprochen wird an den Zusammenhalt der Gesellschaft in dieser schrecklichen Pandemie apelliert.

Liebe, Tod, Erlösung, Schuld, Hoffen, Träume, das Ideal der Freiheit, Verzweiflung sind ewige Themen der Menschen und die Oper nimmt sie auf und setzt sie mit ihren Mitteln um.

„Trotz der teils prächtigen Kostüme und Ausstattung und der Großartigkeit der Musik ist die Oper kein Schauspiel für Reiche“ formuliert treffend die Schriftstellerin Michela Murgia. „Auch die armen Leute sind in die Oper gegangen, weil sie sich wiedererkannten, denn die Libretti erzählen oft von den Aussenseitern, den Schwachen und der Ungleichheit der sozialen Rechte und von der Arroganz der Macht“.

Der Regisseut Davide Livermore zeigte betörend fantasievolle Bühnendekorationen, wobei die weiblichen Mitwirkenden in wunderschöne Roben italienischer Modeschöpfer wie Armani oder Valentino gekleidet waren. Der Bühnenhintergrund wurde dazu mit kunstvollen Videos bespielt. Wer genau hinschaute erkannte, dass die ganze Bühne der Mailänder Scala in einem grossen Becken mit Wasser geflutet worden war und die Sänger sangen auf Stegen. Die Hoffnung „über das Wasser gehen zu können“, sprich die Pandemie zu besiegen, nahm wahrscheinlich Bezug auf die Kunstaktion „floating piers“ von Christo am Lago d’Iseo, wo kilometerlange Stege ohne Geländer in den See reichten und Tausende von Menschen darüber wandelten. Der Iseosee liegt zwischen Bergamo und Brescia, den beiden lombardischen Städte, die so besonders grausam von der Pandemie betroffen sind. Die Kunst gibt in schweren Zeiten Hoffnung.

Das fantastisch nuancenreich spielende Scala-Orchester mit seinem großartigen Dirigenten Riccardo Chailly – alle mit Mundschutz – ließ die extreme Verzweiflung durch die mächtige Stimme Luca Salsis in „Rigoletto“ emotional miterleben. Ein Ausschnitt aus Victor Hugos „le roi s’amuse“ (der König amüsiert sich), Verdis Vorlage, wurde, brillant zitiert, danebengestellt.

Die verschmähte und verzweifelte Liebe der Eboli bzw. König Philipps aus „Don Carlo“ wurde von der samtenen Stimme Elina Garancas bzw. dem weichen fülligem Bass von Ildar Abdrazakov im roten Eisenbahnsalon in vereister Landschaft in Szene gesetzt.

Zu einem Traumbild mit orangefarbigen Wellen singt Lisette Oropesas leichtfüssiger Sopran eine Arie der Lucia di Lammermoor – die Oper, die diesen Abend Premiere hätte haben sollen..

Dass der Film die Oper beeinflusst hat und umgekehrt ist hier schon allein durch die Tableaus oder Schnitttechnik bzw. die benutzte Videokunst zu ersehen. Gekonnt fügt der Regisseur Livermore dem Tableau zu Don Pasquale, – Arie der Norina, mit leuchtender Leichtgkeit gesungen von Rosa Feola – Reminiszenzen von Fellini Filmen ein. Die Fahrt im Luxusauto nach Cinecittà mit Anklängen an Fellinis „la Strada“ (Mädchen mit der Trompete) erschafft eine Traumwelt, die auch der Oper zu eigen ist: „Sein oder nicht sein“, Traum oder Realität, Bühne oder Wirklichkeit, Theater und Leben.
So steigt Juan Diego Flores im nächsten Bild aus dem Wagen des „Zampano“ (Fellinis „la Strada“) und sinnt auf der Bank zu seiner Arie „una furtiva lacrima“ (eine verstohlene Träne) aus dem „Liebestrank“ dem Leben nach, während im Hintergrund „der Reigen des Lebens“ aus Fellinis 8 ½ erinnert wird. Das Szenenbild wird bewegt oder eingefroren, die Frauen gehen rückwärts oder bleiben stehen. Durchaus auch eine Anspielung auf eine stillstehende Situation durch Corona.

„Ich fliege über meine Schmerzen hinweg, jeder Mensch sollte tanzen, das ganze Leben“ werden die Worte Rudolf Nurejews zitiert zu den „pas de deux“ der herausragenden klassischen Tänzer*innen der Scala zu Tschaikowskis „Nussknacker“. Wenig später tanzt zu „Waves“ der Solo-Tänzer Robert Bolle ein Duett mit Laserstrahlen.

Der lyrische Tenor Benjamin Bernheim, singt die Arie aus Massenets Werther „Pourquoi me réveiller“ (warum mich aus meinem Traum reißen) hinreißend in einem mit Kerzenleuchtern und Standfiguren geschmückten Abschiedszimmer.

Die farbige große Stimme des Bariton Carlos Alvarez gestaltet die Arie des Intriganten Jago aus Verdis Otello vor einem „Weißen Haus“, das während des Gesanges innen zu brennen anfängt. Die Personen, die im Tableau eine Vereidigungszene mit Rednerpult gestalten und sich applaudieren, erstarren während des Gesanges.

Eine ungeheuer starke Aussagekraft hat auch das „lebende Bild“ – es ist das berühmte Gemälde von Eugene Delacroix „Die Freiheit führt das Volk“ zu der Arie „La mamma morta“ aus der Oper Andrea Chénier, die die französische Revolution behandelt und den Dichter Chénier. Die warme, volle und dramatische Stimme Sonya Yonchevas erzeugt Gänsehaut, wenn der Mund der
Figur der „Marianne“ aus dem Bild sich zu dem hohen Ton der Sängerin zu einem angedeuteten Schrei formt.

Jeder der mitwirkenden Künstler hätte einen eigenen Galaabend bestreiten können und die Regie setzte so viele intellektuelle und emotionale Denkanstöße, dass es unmöglich ist, alle anzuführen.

Die lyrisch-dramatische Stimme Marina Rebekas mit der Arie der Butterfly „eines Tages sehen wir“, im Hintergrund eine japanische Tuschezeichnung mit blutroter Sonne, soll noch erwähnt werden.

Zum Schluss des Konzertes wurde daran erinnnert, dass nach 15 Jahren des Exils vor dem Faschismus, Arturo Toscanini die Mailänder Scala am 11. Mai 1946 mit einem besonderen Konzert wiedereröffnete und „damit den Menschen ihre Stimme zurückgab“, denn die „Musik geht über den Schmerz hinaus“.

Erneut mit den Bildern des nächtlichen Mailands klang das Konzert mit dem suggestiven Finale aus Rossinis Wilhelm Tell „tutto cangia, il ciel s’abbella“ (alles changiert, der Himmel wird schön) aus, eine Apotheose der Freiheit.

[das Konzert ist noch bis Mai 2021 auf arte concert zu sehen]

Sylvia Weiss