Am Sonntag den 25.10.2020 um 10.00 Uhr begingen wir bei sonnigem Herbstwetter unter der Führung unseres Ehrenmitgliedes und ehemalig langjährigen Archivars Horst Steindorf einen Rundgang in Spandau  zu den Spuren unseres Chores. Durch die Rückstellung auf die normale Winterzeit konnten wir praktisch eine Stunde länger schlafen. Bedingt durch die Corona- Pandemie hatten sich nur wenige aus dem Chor angemeldet. So waren wir insgesamt nur 10 Teilnehmer. Wie bereits in der Ankündigung versprochen werden wir eine entsprechende Veranstaltung für eine große Teilnehmerzahl wiederholen. Wann wir dies anbieten können, ist unter den aktuellen Corona- Beschränkungen nicht absehbar. Daher soll dieser Artikel dazu dienen, eine Auswahl der vielen Auftritts- , Proben- und Veranstaltungsorte zu beschreiben, die unser Chor in seiner Geschichte allein in Spandau zu verzeichnen hat. Unsere Chronik umfasst mehr als 1700 Seiten. Habt bitte Verständnis dafür, dass aufgrund der Fülle an Daten nur beispielhafte Aktivitäten an den einzelnen Orten genannt werden können.

Für unsere neuen Mitglieder: Von der Gesangsabteilung des „Handwerkervereins zu Spandau 1847“ lösten  sich 22 Männer und gründeten am 16.2.1859 den „Männergesangverein (MGV) Hoffmannsche Liedertafel Spandau 1859“ (im weiteren „die Hoffmänner“ oder „HLT“ bzw. „HLK“) Eine beigefügte Skizze zeigt alle Fusionen bis zur Entstehung der „Chorvereinigung Spandau e.V.“ – im weiteren auch „CVS“. Der Stammbau basiert auf den Daten von Horst. Sie sind auf unserer Website in der von ihm verfassten Festschrift 2009 nachlesbar. Das von ihm angelegte Chorarchiv ist unsere Hauptquelle. Andere Daten entstammen der Recherche im Internet. Ein Team von Chormitgliedern war an den umfangreichen Recherchen für die Chorchronik bis 2008 beteiligt (Kornelia Ledworuski, Markus Grabka, Elke Mann, Lore Giessrigl, Siegfried Hamma, Ilona Hönsch, Rosemarie Kaspereit und Waltraud Warnke ).

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Die Führung begann in Spandau an der Ecke Schönwalder Straße / Lynarstraße, wo sich das „Sängerheim Böttcher“ (Foto 1) befand.  Bis zur Zerstörung 1945 wurde diese Gaststätte von einem ehemaligen Sangesbruder (Sgbr.) betrieben. Unter anderem trafen sich hier die Hoffmänner in den Jahren 1927 -1945 zu unterschiedlichen Anlässen.

Was die Tänzerin „Pepita Durand de Oliva“ mit unserer Chorgeschichte verbindet, könnt Ihr dem Artikel von Horst in dieser Ausgabe des AEA entnehmen.

Viele Konzerte der Hoffmänner  und der  CVS  gab es im „Schützenhof“ in der Niederneuendorfer Allee. Er wurde im Jahr 1914 eingeweiht und ist seitdem im Besitz der Schützengilde zu Spandau. Diese wurde 1334 gegründet und ist daher der älteste Schützenverein in Deutschland. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Der Schützenhof war unter anderem in den Jahren 1946 -2008 sehr oft Austragungsort der Spandauer Liedertage. Ab dem Jahr 1951 wurde der Schützenhof auch für viele Pfingstkonzerte genutzt.

In der Schönwalder Straße 89-99 betrieb auch ein ehemaliger Sangesbruder seit 1882 die „Sawades Kaisersäle“ (Foto 3). 1931 kam die Namensänderung „Sawades Metropolsäle“ und 1933 „Sawades Festsäle“. Von 1914 bis 1945 befand sich hier unter anderem das Proben- und Vereinslokal. Bis 1945 war an diesem Ort auch das Chorarchiv gelagert, das durch einen Bombenangriff weitgehend verloren ging. Auftritte unter anderem von 1913-1945.

Eine Verwandtschaft des Sangesbruders zu Marie de Savadé, die Namenspatin für Berlins älteste Pralinen- Manufaktur (Sawade) wurde, besteht wohl nicht. Sie war wohl Nachbarin von Ladislaus Maximilianus Ziemkiewicz, der die Manufaktur 1880 begründete und bald zum königlichen Hoflieferanten aufstieg.

Weiter ging es zum Bismarckplatz, wo sich seit 1901 ein Bismarckdenkmal (Foto 4) befand. Der Platz wurde unter anderem ab 1910 regelmässig für Freiluftkonzerte genutzt. In der NS-Zeit befand sich an diesem Platz eine Ausländerunterkunft für Zwangsarbeiter  für das Unternehmen Siemens. Das Denkmal wurde 1941 von einer Luftmine beschädigt und später eingeschmolzen.

Angrenzend in der Feldstraße 52 (Foto 5) gab es auf dem Hof seit 1888 Festsäle, die 1901 nach der Einweihung des Denkmals den Namen „Koch`s Bismarcksäle“ erhielten. Ab 1933 wurden sie in „Koch`s Festsäle“ umbenannt. Es war der größte räumliche Veranstaltungsort Spandaus. Unter anderem wurde er seit dem 1. März 1910 von den „Hoffmännern“ regelmäßig für Auftritte und von 1919 bis 1945 für alle größeren Konzerte genutzt. Dazu gehörten ab 1920 jährlich 2 Winterkonzerte im Spätherbst und im Frühjahr.

Leider wurde an diesem Ort 1926 auch die erste Veranstaltung der Berliner NSDAP durchgeführt. Erfreulich ist hingegen, dass die „Bekennende Kirche“in der NS-Zeit hier ihre Notunterkunft gefunden hatte. Sie war ein oppositioneller Zusammenschluss evangelischer Christen, der sich gegen die Gleichschaltung der Botschaft und der Struktur der Deutschen Evangelischen Kirche mit dem NS – System richtete. – Die Bismarcksäle fielen 1944 einem Bombenangriff zum Opfer.

In der Nähe des Falkenseer Platzes lagen in der Friedrichstrasse 5 die „Friedrichs Festsäle“ (Foto 6). Von 1953 bis 1956 (vereinzelt auch die Jahre danach) befand sich hier unter anderem unser Vereins- und Probenlokal (Auftritte?). In diesen Jahren waren größere Säle noch Mangelware. So wurden hier auch gemeinsame Feiern, ein Herbstball und ein Maskenball abgehalten. Auch ein Treffpunkt für die Frauengruppe wurde hier eingerichtet. Wegen eines Strassenumbaus erfolgte später der Abriss.

Der Weg führte zur Altstadt Spandau. In der Ritterstrasse 12, betrieb Rudolf Moewes, ein förderndes Mitglied der Hoffmänner, das „Restaurant zur Palme“ als Pächter. Er spendierte für den Gesangswettbewerb zu unserem 50- jährigen Jubiläum einen der 12 Siegerpreise. Die Hoffmänner nutzten das Restaurant unter anderem von 1902 bis 1909 als Vereinslokal und Probenort. (Auftritte?)

Dort wo heute Karstadt steht, Carl-Schurz-Str. 24-26, befand sich einst das Hotel „Rother Adler“ (Foto 7). Die Vorkriegsadresse lautete Potsdamer Straße 6. Hier gab es viele Säle, wie beispielsweise den „Heine`schen Saal“ (1864-1867). Im Jahr 1914 wurde in dem Hotelkomplex ein „Neues Stadttheater“ (Foto 8)  eingeweiht, das etwa ab 1920 auch als Kino genutzt wurde.Von 1864 bis 1899 diente der „Rothe Adler“ als regulärer Probenort und als Vereinsheim der Hoffmänner.  Bis 1936 wurden die Säle auch für Auftritte und besondere Veranstaltungen genutzt.  Nach 1945 erhielt das Kino den Namen „Odeon“ ( keine Verbindung zum alten Odeum am Hafenplatz-s.unten). Das Kino wurde 1963 geschlossen und anschliessend abgerissen. Es entstand an dieser Stelle das Kaufhaus „Hertie Spandau“, später „Karstadt“.

Zum 50 jährigen Jubiläum der „HLT“ gab es auf dem „Marktplatz“ vor dem alten Spandauer Rathaus am 20. Juni 1909 einen Festakt (Foto 9). Manfred Langer, der damalige Chormeister der Hoffmänner, dirigierte einen Massenchor von 1341 Sängern. Davor posierten die Chormitglieder mit Ihrem Banner. Der Spandauer Oberbürgermeister Költze überreichte die silberne Königsmedaille mit den Worten: „Seine Majestät, der Kaiser und König haben die Gnade gehabt, dem Männergesangverein Hoffmann’sche Liedertafel in Spandau als Ehrenpreis für den anlässlich des 50-jährigen Vereinsjubiläums am 20. Juni 1909 zu veranstaltenden Gesangswettstreit die „Silberne Königsmedaille“ zu verleihen.“ Am Abend wurde  im Waldschlösschen Hakenfelde (Pepitas Ruh) der große Gesangswettstreit veranstaltet.

Nach 1945 kam es auf dem Marktplatz unter anderem zu häufigen Auftritten in der Adventszeit.

Zum 75- jährigen Jubiläum der Hofmänner fand am 10.6.1934 der Festakt vor dem neuen Spandauer Rathaus statt. Damit verbunden war  eine Bannerweihe. Der Spandauer Bürgermeister Harrer überreichte dem Chor für seine Verdienste um die Förderung des Chorgesanges und die Pflege des deutschen Volksliedes die „Silberne Zelter-Plakette“. Der Bürgersaal des Rathauses wird unter anderem seit 1953 für unterschiedliche Veranstaltungen unseres Chores genutzt. Am 20.2.1999 wurde im Bürgersaal der Festakt zum 140-jährigem Bestehen unseres Chores durchgeführt. Gegenwärtig dient dieser Saal der „CVS“ jährlich ein- bis zweimal für Werbeveranstaltungen.

Nördlich der Altstadt in der Schützenstrasse 2-4 befanden sich die „Carl Seitz Festsäle“. Verschiedene politische Parteien nutzten vor 1933  diese Räumlichkeiten. Leider wurde hier auch die erste Versammlung der NSDAP unter dem Gauleiter Goebbels durchgeführt.  Später erhielten die Räumlichkeiten den Namen „Spandauer Festsäle“ (Foto 10). Zum 100-jährigen Jubiläum der Hoffmänner fand 1959 in diesen Sälen der Festakt statt. Der Chor erhielt zum Jubiläum die von Bundespräsident Theodor Heuss gestiftete „Carl-Friedrich-Zelter-Plakette“. Wohl bis 1970 hatten die Hoffmänner hier viele Auftritte und Veranstaltungen. Danach wurden die Säle abgerissen.

Das alte Kant-Gymnasium in der Carl-Schurz-Str. 57-59 war ab 1922 gelegentlicher Probenort und von 1957 bis 1975 regulärer Probenort der Hoffmänner. Es wurde  auch für andere Veranstaltungen genutzt. Die ursprünglich an der Nikolaikirche befindliche reine Jungenschule war auch als Lateinschule bekannt. 1853 wurde sie von König Friedrich Wilhelm IV mit  einem Gottesdienst in der Johannes- kirche als kirchliches Gymnasium eröffnet. Aus Platzgründen entstand ein neuer Bau in der heutigen Carl-Schurz-Str. (früher Potsdamer Str.), der 1915 eingeweiht wurde. Die Johanneskirche, die früher auf dem Gelände stand, wurde 1902/1903 abgerissen.

Das Kant-Gymnasium zog 1972 in das heutige Schulgebäude in der Spandauer Bismarckstraße 54 um. Aufgrund steigender Schülerzahlen wurde dort zusätzlich ein ehemaliges Möbelhaus gegenüber umgebaut und ab 1999 für den Schulbetrieb genutzt. Ab 2003 erfolgten ebenfalls bauliche Erweiterungen. Das alte Gebäude in der Carl-Schurz-Straße wird gegenwärtig unterschiedlich genutzt. Das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium betreibt hier eine „Filiale“. Auch die Musikschule Spandau gehört zu den Nutzern dieses Gebäudes.

Das neue Kant-Gymnasium in der Bismarckstraße 54 wurde von dem „HLK“ und der „CVS“ unter anderem ab 1973 für Auftritte genutzt. Zuletzt veranstalteten wir dort 2016 ein Sommerkonzert.

Das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in der Spandauer Galenstraße 40-44 diente unter anderem ab 1948 häufig als Auftrittsort

Die Aula des Lily-Braun-Gymnasiums ist wohl seit 1976 der reguläre Probenort der CVS und und häufiger Veranstaltungsort in der Nachkriegszeit.

Auf Beschluss des Spandauer Magistrates wurde im Jahr 1862 eine „höhere Mädchenschule“ gegründet. Unterrichtet wurde im Anfang im Gebäude der Knabenschule. Ab 1875 konnte ein eigenes Schulgebäude an der Nikolaikirche genutzt werden. 1912 waren es bereits 440 Schülerinnen und ein Neubau wurde erforderlich. Dieser konnte im Jahr 1916 an der Münsinger Strasse 2 bezogen werden und erhielt den Namen „Cecilienschule“ („Cecilie zu Mecklenburg“, Gemahlin des preussischen Kronprinzen). Nach dem ersten Weltkrieg erhielt die Schule den Namen „Lyzeum mit Studienanstalt in Spandau“. 1937 änderte der Name in „Oberschule für Mädchen“. Im Jahr 1938 entstand der Name „Ina-Seidel-Schule“. I. Seidel war eine Schrifstellerin, die die Ideen der Nationalsozialisten stark unterstützte. Im Jahr 1947 erhielt die Schule den Namen „Lily-Braun Schule“. Lily Braun lebte von 1865 bis 1916. Sie stammte aus einer adligen Familie und engagierte sich für die Rechte der Frauen. Sie wurde Mitglied der SPD. Im Jahr 1901 erschien ihr Buch „Die Frauenfrage“. Darin beschrieb sie die schlechte Situation der Arbeiterfrauen und forderte erneuernde Schritte. 1952 wurden die ersten Jungen in die Schule aufgenommen. 1974 kam der Name „Lily-Braun-Oberschule (Gymnasium)“, seit 2013 der Name „Lily-Braun-Gymnasium“.

Am 27. April 1863 wurde von den Spandauern die  50-jährige Wiederkehr der Befreiung Spandaus von der napoleonischen Besatzung und am 18. Oktober 1863 auch der 50. Jahrestag  des ersten Tages der Völkerschlacht bei Leipzig gefeiert.  Die „Hoffmänner“ sangen an beiden Festlichkeiten  am Kriegerdenkmal auf dem Heinrichplatz (Foto 11), heute der linke Teil des Reformationsplatzes.

Am 27. April und im Oktober 1913 wurde zur entsprechenden 100-Jahr-Feier jeweils ein Festzug veranstaltet (Foto 12). Dieser  führte im Oktober wieder zum Heinrichplatz, wo die Hoffmänner zu hören waren. Der Platz und die Nikolai- Kirche waren in der Chorgeschichte  häufig der Austragungspunkt von Auftritten oder Konzerten.

In der Breiten Strasse 12 befand sich das „Gesellschaftshaus“ des Herrn Schindelhauer, in dem  am 7. März 1861 das erste uns Chronisten bekannte eigene Konzert der Hoffmänner unter dem Titel „zum Besten der armen Confirmanden“ stattfand. Unter anderem Auftritte in den Jahren 1861 bis 1875.

In der Breiten Strasse 33 lag die „Brauerei Balke“, die unter anderem von 1889 bis 1902 als Vereinsheim diente.

In der Breiten Strasse 40 wohnte zeitweise der erste Dirigent, Vorsitzende und Namensgeber des „MGV Hoffmannsche Liedertafel“:  Fiedrich Hoffmann.

Zum Schluss führte uns Horst zum nördlich der Altstadt gelegenen ehemaligen Hafenplatz. 1950 wurde der frühere städtische Hafen mit Trümmerschutt verfüllt. Angrenzend an den heutigen Wröhmännerpark stand hier unter anderem die Garnisonkirche (Bild 13), an der der ehemalige Chormeister der „Hoffmänner“, Manfred Langer, auch als Organist tätig war. Er leitete den Chor von 1907 bis 1925 und war einer unser bedeutendsten Chorleiter. In Anwesenheit des Kaiserpaares wurde die Kirche 1890 eingeweiht. Im 2. Weltkrieg wurde sie zerstört und 1950 gesprengt.

Bis 1888 stand in diesem Bereich auch der älteste Musentempel Spandaus: Das „Odeum“ . Zum früheren Kino „Odeon“ an der Stelle des „Rothen Adlers“ gab es keine Verbindung. Das „Odeum“ am Hafenplatz war ein alter Fachwerkbau, der durchziehenden Schauspielergruppen als Auftrittsort diente. Die Hoffmänner hatten an diesem Ort unter anderem Konzerte von 1859 bis 1886. Im Jahr 1888 wurde dieses Gebäude abgerissen und es entstand ein Neubau, der als Heereswäscherei der Garnison Spandau diente. Der Gebäudekomplex beheimatet heute das „Brauhaus Spandau“.

Über die vielen Auftritte in der Freilichtbühne am Juliusturm und die vielen Veranstaltungen unseres Chores in der Zitadelle Spandau wird bei Gelegenheit ein weiterer Bericht erfolgen.

Hoffentlich habt Ihr diesen Artikel gut überstanden. Ihr könnt ihn ja mehrmals lesen. Dann wird er erträglicher. Auch im Namen von Anne, die gegenwärtig beruflich sehr angespannt ist, wünsche ich allen ein gutes, gesundes neues Jahr.

Edgar Pretzsch