Hella in Mariannes Garten, Sommer 2020

„Auf das Leben!“ – Das war der Toast, mit dem Hella sich an einem Freitag Abend, dem 15. August in meinem Garten verabschiedete. Eineinhalb Tage später war sie tot. Ihr Trinkspruch bleibt mir als fröhliche Aufforderung. Ein weißes, immer noch mit Blumen und Kerzen geschmücktes Geisterfahrrad an der Seegefelder Straße erinnert daran, dass eine PKW-Fahrerin beim Abbiegen auf die Klosterstraße sie und ihr Fahrrad übersah. Hella war sofort tot und glücklicherweise auch nicht mehr zu reanimieren, denn ihre inneren Verletzungen waren schwer. Sie wurde 82 Jahre alt.

Hella war die erste, die nach meinem Eintritt in unseren Chor Kontakt mit mir aufnahm. Wir freundeten uns locker an. Ich mochte ihre fröhliche Art und ihre Neugier auf alles, was mit Kunst und Kultur zu tun hat. Ich spürte bald, Hella hat ein großes Herz voll Liebe und Mitleid mit allem, was ihr ungerecht erschien. Gleichzeitig aber eine verletzte Seele, die jede kleine Kränkung auf sich bezog und sehr persönlich nahm. Da konnte sie dann unerwartet schnippisch werden und einige im Chor hielten sie deshalb gern etwas auf Abstand. Als ich einmal anrief und sagte, ich wolle nur hören, wie es ihr geht, kam brüsk die Antwort: „Wieso willst du das wissen!?“ Ich sagte „Weil ich vielleicht deine Freundin bin?“ Das hat sie offenbar überrascht und gefreut, denn von da an waren wir wirklich befreundet.

Vor etwa zwei Jahren eröffnete Hella mir plötzlich völlig unerwartet, dass sie den Chor verlassen habe. Warum? Erst redete sie um den Brei von allen möglichen Ärgerlichkeiten und dass Ulli ihr zum 80sten nicht persönlich gratuliert habe – aber dann kam heraus, dass sie vor einer sehr komplizierten Augenoperation stand und fürchtete, bald keine Noten mehr sehen zu können. Natürlich wollte ich sie in der Krise nicht allein lassen. Wir trafen uns jetzt häufiger und so kamen noch weitere Überraschungen dazu. Sie war, ohne es mit irgend jemandem zu besprechen, aus ihrem Seniorenhaus ausgezogen und hatte eine winzige Eigentumswohnung gekauft und bezogen, im 5. Stock grünes Haus Altstadt 15. Direkt an der extrem lauten, mit Abgas belasteten Straße, die ihr das Atmen erschwerte. Ohne die Möglichkeit einer Querlüftung und so klein, dass neben ihren Möbeln nicht einmal ein Tisch reinpasste, an dem sie essen konnte. Damit nicht genug. Weil die ebenfalls überraschten Töchter ihr Vorwürfe machten, dass sie sich nicht hatte helfen lassen, brach sie tief verletzt auch diese Beziehungen ab, wollte ihre Kinder nie wieder sehen. Einen Versöhnungsbrief ihrer Tochter ließ sie ungeöffnet zurück gehen, Annahme verweigert.

In dieser Zeit fragte sie eines Tages, ob sie mich bei einem Amt offiziell als Freundin angeben könne, da sie keine anderen Kontakte mehr habe. Nach Rücksprache mit dem Amt sagte ich zu. Man wollte sicher gehen, dass jemand merkt, wenn sie Hilfe braucht. Ich denke, man vermutete eine beginnende Demenz. Von da an habe ich Hella alle zwei bis drei Tage angerufen und wir haben wenigstens einmal pro Woche etwas unternommen. Es war eine schöne Zeit. Wir gingen ins Kino oder einfach spazieren und einen Kaffee trinken.

Aber mit dem Sommer kam ein neues Problem: In ihrer Wohnung wurde es bis zu 50° warm, auf dem kleinen Balkon sogar über 60°. Zwar ist auch mein Haus klein, aber ich habe ein separates Gästebett und natürlich den Garten. Wenn es zu heiß wurde, übernachtete Hella also bei mir. Dann feierten wir tatsächlich jedes Mal das Leben. Mit Sektfrühstück und meinen frischen Hühnereiern, mit Musik hören, Rummy spielen und Vorlesen. Hella hatte riesigen Spaß an den bissigen Satiren „Das Recht auf Faulheit“ von Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx. Aber auch an Gedichten von Erich Kästner etc. Corona blieb draußen, Hella gehörte sozusagen zum Hausstand. Und natürlich erzählte sie immer neue Stories aus ihrem Leben. Von ihrer Kindheit als Älteste von 8 Geschwistern mit einer völlig überlasteten, alleinerziehenden Mutter – der Vater fuhr zur See. Und von dem traumatischen Erlebnis, das sie ein Leben lang verfolgt hat: Als 16-Jährige wieder einmal für ein Wochenende mit 7 Geschwistern allein, fand sie am Morgen ihr 10 Monate altes Schwesterchen tot im Bett. Es hatte sich übergeben und war daran erstickt. Keiner kümmerte sich um sie, die mit dieser „Schuld“ nicht zurecht kam.

Am liebsten erzählte sie aber von ihrer Reise- und Abenteuerlust, die sie auf alle Kontinente der Erde verschlug. In Australien lebte sie als Selbstversorgerin mit Hühnern, Schafen und zwei Eseln auf einem noch nicht erschlossenen Grundstück. In Amerika verliebte sie sich in ein rassiges Pferd, mit dem sie dort eine Pferdezucht startete. Als sich in ihren Fingergelenken Arthrose andeutete, lernte sie Harfe spielen, um in Bewegung zu bleiben. Mit 70 wollte sie in Afrika ehrenamtlich Waisenkinder betreuen, was aber in einem Malariaanfall endete.Allerdings mochte sie gar nicht, wenn man etwas hinterfragte. Sie wollte selbst bestimmen, in welchen Farben sie ihr Leben malte und welche sie lieber wegließ.

Der Streit mit der Tochter ließ ihr allerdings keine Ruhe. Nachdem ich eine Weile zugehört hatte, sagte ich schließlich gerade heraus, das könnte mir nicht passieren. Meine Kinder könnten tun und sagen, was sie wollten, ich würde niemals den Kontakt abbrechen. Was ich nicht vermutet hatte: Hella war erlöst. Noch am gleichen Abend rief sie ihre Tochter an, sie verabredeten sich und beide Töchter kümmerten sich seitdem wieder rührend um sie. Die jüngste Tochter kam sogar einmal mit in meinem Garten. Nicht nur das. Hella entsann sich plötzlich an einen Bruder, den sie einmal sehr mochte und nun nicht einmal weiß, ob er noch lebt. Sie fand seine Adresse und Hella fuhr letzten Herbst in ihre Heimatstadt Bremen, um ihn und weitere Geschwister, Nichten und Neffen zu treffen und kennen zu lernen. Beglückt und um eine Familie reicher kam sie zurück. Ich habe plötzlich eine neue Hella kennen gelernt, eine fröhliche Frau voll Fantasie und Optimismus. Dass sie nicht mehr in unserem Chor singen kann, hat sie ziemlich belastet, aber ein Zurück traute sie sich nicht zu. Umso mehr hat es sie gefreut, dass sie bei meinem „Gartenfest auf Abstand“ im Sommer noch einige von Euch treffen konnte. Hier ist Uschi auch das Bild gelungen, auf dem sie uns ein letztes Mal zuprostet. Den Hängesitz hatte sie mir zuletzt noch geschenkt.

Von ihrem Unfall habe ich von der Polizei erfahren, nachdem sie nicht mehr ans Telefon ging. Ihre Kinder waren im Urlaub.
Ich habe Hella sehr vermisst.

Marianna Voos

Hella in Rheinsberg, 2018

Hella in Rheinsberg, 2018