Kürzlich erfolgte ein Aufruf von Joachim an alle Chormitglieder, Artikel für die Chorzeitung zu verfassen. Ich habe lange auf das leere digitale Blatt gestarrt. Das hatte weniger mit der berühmten Schreibblockade zu tun, als mit einem Gefühl, das sich am ehesten als mentales Schulterzucken beschreiben ließe.

Denn was schreibt man über das Jahr 2020, das mit unserem schönen Beitrag zu Beethovens Neunter in der Philharmonie so fulminant als Tiger startete, um dann irgendwie kläglich als Bettvorleger zu enden? Was schreibt man über ein Jahr, das in einem Atemzug mit der Spanischen Grippe von 1918 genannt wird und das der gesamten Weltbevölkerung überraschend schnell ihre Grenzen und im übrigen auch frappierenden Defizite aufgezeigt hat? Was über ein Jahr, in dem Hilflosigkeit, Ratlosigkeit, Hirnlosigkeit wetteiferten mit Mut, Einfallsreichtum und dem unbedingten Willen, diese Pandemie in den Griff zu bekommen?

Es war ein Jahr der Extreme. Soviel steht fest. Da war zunächst die Angst. Was ist das für eine Krankheit? Wie wird sie übertragen, was richtet sie für Schäden an? Ist sie gefährlich? Wie kann ich mich schützen? Als die ersten Menschen in China starben, als dort ganze Millionenstädte abgeriegelt wurden, als kurz darauf aus Norditalien Bilder um die Welt gingen, die Ärzte und Pfleger am Anschlag zeigten, schwer atmende Menschen an Schläuchen in überfüllten Krankenhäusern, Berge von Särgen, die übereinandergestapelt darauf warteten, von Lastwagen mit Kühlfunktion abgeholt zu werden, Krankenschwestern und -pflegern, die hilflos in Tränen ausbrachen, da wurde klar: der meint es ernst, dieser Virus. Als dann auch in Deutschland die Menschen begannen, zu sterben, zog sich der Vorhang zu. Es starben Junge wie Alte. Erschütternde Bilder von Angehörigen, die in Schutzanzug, Schutzbrille und Maske durch Plastikfolien ein letztes Mal versuchten, ihre Lieben zu umarmen, die in Alters- und Pflegeheimen abgeriegelt teils hilflos dem dort wütenden Virus ausgesetzt waren. Und die – das ist traurige Gewissheit – als Schwächste der Gesellschaft nun als Erste Opfer wurden.

Lange Monate gab es immer noch Menschen, die trotz steigender Todeszahlen darauf beharrten, Covid 19 sei ein Virus wie die Grippe, nicht mehr und nicht weniger. Da gab es teils wilde Theorien, und da gab es auch Ärzte, die plötzlich mit Youtube die Plattform gefunden hatten, zum Star der Andersdenker zu werden. Deren Name es früh in die Presse schaffte, sie waren plötzlich „Wer“. Sie bekamen Zuspruch. Vor allen Dingen von denen, die fanden, es müsse gar nichts geändert werden. Wenn man sich anstecke, dann verlaufe die Krankheit im Normalfall mild, sei früh ausgestanden und im übrigen solle man doch die Kirche im Dorf lassen. Dann gab es auch die anderen Ärzte, die unaufgeregt den tödlichen Ernst der Lage erkannten. Die früh Tests entwickelten, die anzeigten, ob man infiziert war. Die Ratschläge gaben und die halfen, sich im Dickicht der vielen Meinungen zurecht zu finden. Für mich war der NDR Podcast mit Christian Drosten gerade in der Anfangszeit, in der ich so gar nichts von diesem Virus und dieser Krankheit wusste, ständiger Begleiter auf langen Waldspaziergängen. Er half mir, mich zu orientieren und zumindest für mich und meine Familie einen Weg zu finden, mit der Situation umzugehen und den Namen Covid 19 mit Inhalt zu füllen.

Ein grosses langes Warten begann. Für mich persönlich war es ein schmerzliches Warten, da am 27. Februar meine „große“ Tochter ihr erstes Kind zur Welt gebracht hatte. Sehen konnten wir sie nicht, die Maus, denn kurz nach der Geburt verkündete Merkel ihr erstes Reiseverbot – und das Risiko war auch zu groß. Was blieb und half, war Whatsapp. Egal, wie man sonst über diesen amerikanischen Service mit Hang zum Mitlesen und Speichern denkt: in dieser Situation halfen die vielen Fotos und Videos, der kleinen Enkeltochter beim Wachsen zuzusehen: das erste Engelslächeln nach der Geburt, „blinde“ Augen, die noch völlig dunkel ihre mit Sicherheit noch
nicht genau zu erkennende Umgebung betrachteten, dann Augen, die zunehmend fokussierten, das Lächeln wurde bewusster, die Stimme fordernder. Das erste breite zahnlose Grinsen, die ersten Krabbelversuche. Jede eingehende Nachricht war Freude pur. Nachteil: mein Handy wurde mein ständiger Begleiter. Egal, wo ich war, es befand sich in bimmelnder Reichweite.

Die Wochen gingen ins Land, die Termine wurden weniger, dafür der Einkauf mühseliger. In Endlosschleife bemühten sich die offiziellen Stellen darum, der Bevölkerung die Angst zu nehmen: ja, der Nachschub an Lebensmitteln sei gesichert, es bestehe kein Grund zu hamstern. Das sah in den Supermärkten allerdings anders aus. Da stand man vor leeren Kartoffelständen, da gab es keinen Kohl mehr, keine Zwiebeln, keine Spaghetti, kein Mehl, keine Soßen – und vor allem kein Klopapier. Gähnende Leere auch bei allen Arten von Seifen und Reinigungsmitteln, auf denen das Wort „desinfizierend“ stand. Wenn es mir mal gelang, eher zufällig ein Paket Toilettenpapier zu finden, trug ich es heim wie Gollum seinen Schatz aus „Herr der Ringe“. Eine beunruhigende Zufriedenheit bemächtigte sich in solchen Situationen meiner und mit Schrecken musste ich erkennen: auch ich würde wohl hamstern, wenn ich etwas zum Hamstern fände.

Diese Erkenntnis trug nicht unbedingt dazu bei, mich besser zu fühlen, aber sie öffnete mir die Augen und schärfte meinen Blick. Auf mich selbst, die ich mich fortan vor jeder Handlung kontrollierte, und auch auf meine Mitmenschen. Verhaltensweisen, die man nicht für möglich gehalten hätte, rüdes Benehmen, Rempeln trotz Abstandsregeln, völliges Negieren der Maskenpflicht, verrohte Kommentare in sozialen Netzwerken. Die Male, die ich mit fast körperlicher Gewalt angeblafft wurde, wenn ich freundlich darum bat, Abstand zu halten und die Maske auch über die Nase zu ziehen, kann ich nicht mehr zählen. Dafür hatte ich den Eindruck, wir alle fallen zurück in die Steinzeit: jedem seine Höhle, seine Familie, seine Vorräte. Teilweise gezwungen zu sein, seine eigenen Interessen durchsetzen zu müssen, statt sie hinten anzustellen, weil bei eingehender Betrachtung nicht wichtig, war eine neue Erfahrung und keine gute.

Aber dann gab es auch die schönen Momente. Meist hatten sie mit Musik zu tun und ganz viel mit unserem Chor. Menschen taten sich virtuell zusammen, es wurden Videos geteilt von Musikern, die Stücke zusammen aufnahmen, jeder in seinen eigenen vier Wänden. Teils berührende Videos, teils urkomische Videos. Nicht selten zum Brüllen komische – saß man doch selbst in seinen eigenen vier Wänden fest und konnte die Witze so richtig nachvollziehen. Unsere Chor-Whatsapp Gruppe entwickelte sich zum festen Bestandteil meines Tages und ich zog teilweise wirklich erhebende Inspirationen daraus. Für die ich mich auch von Herzen an dieser Stelle bedanken möchte: danke allen Chorteilnehmern, die unsere Whatsapp Gruppe so vielschichtig am Leben gehalten haben.

Was sich allerdings eher schleppend weiterentwickelte, um nicht zu sagen, erschreckend rückläufig anmutete, war meine Begeisterungsfähigkeit für Online Konferenzen. Auch ich ertappte mich zunehmend bei den mittlerweile allgegenwärtigen Zoom Meetings meines ehrenamtlichen Engagements dabei, „unten herum“ in Jogginghose zu sitzen. Anfangs „oben herum“ noch geschminkt und in Bluse, verfiel bei mir im Verlauf des Corona Jahrs auf erschütternde Weise die Moral: erst war es statt Bluse ein einfaches T-Shirt, dann zusätzlich nur noch Lippenstift aufgetragen statt umfassender Schminke, dann gänzlich ungeschminkt und schlussendlich liess ich sogar die leicht schief sitzende Brille auf der Nase statt Kontaktlinsen zu tragen. Diese Tatsache bewies mir endgültig, dass Charles Aznavour Recht gehabt hatte, als er sang „Du lässt dich gehen“. Ein Song übrigens, den ich bis dahin nachgerade empörend gefunden hatte und der sich mir nun in gänlich neuem Licht präsentierte. Leider wirkte sich mein moralisch-geistiger Verfall auch bei unseren virtuellen Chorproben aus, doch dazu später.

Denn zunächst möchte ich betonen, dass ich dem Vorstand, der Chorleitung und allen Beteiligten unendlich dankbar bin, dass sie es möglich gemacht haben, unseren Chor digital am Laufen und die Stimmung zuversichtlich zu halten. Es ist ein großer technischer Aufwand gewesen, den der Vorstand, allen voran Claas und Ellen, stemmen musste. Wie sehr wir vom Funktionieren dieser Technik abhängig waren, sah man, wenn sie nicht funktionierte. Da waren die Stimmen gerade geölt, das erste Drittel der Probe absolviert und dann wurde es dunkel. Internet weg, stockende Übertragung, Frustration. Und immer wieder Claas, der den Fehler dann schnell beseitigte. Auch Ellen ein großer Dank für ihre umsichtige Lenkung des Chors durch diese schwierigen Fahrwasser, ihre warmherzigen Briefe, ihr stetiges Aufbauen und auch Weiterführen der Verwaltungsangelegenheiten im Hintergrund. Das gilt natürlich ebenso für Johannes, dessen Buchhaltungspflichten für den Chor im Coronajahr keineswegs ruhten. Joachim versorgte den Chor immer wieder mit lesbaren Noten und Aussprachehilfen, auch ihm ein herzliches Dankeschön. Christel Pfitzmann fuhr unermüdlich Noten und Hefte durch die Gegend, sammelte noch fehlende Unterschriften zum Datenschutz ein, Gaby Stoffers las digital die französischen Texte der Stücke ein und verschickte regelmäßig Protokolle. Und unsere Notenwarte kümmerten sich fortlaufend und routiniert um Noten und digitalen Nachschub. Ihnen allen herzlichen Dank.

Wieviel Arbeit eigentlich im Hintergrund weiterläuft, obwohl für die Mitglieder gefühlt jedes Chorleben stillzustehen scheint, wurde mir auch klar, als ich an meinem Geburtstag im Dezember einen Anruf von Angela Jakob erhielt, in dem sie mir im Namen des Chors herzlich zum Geburtstag gratulierte. Als ich später mit Uschi Straßburg darüber sprach, erfuhr ich, dass Angela auch ihr im Juni zum Geburtstag gratuliert hatte. Und wahrscheinlich noch vielen, vielen anderen Chormitgliedern auch. Auch Dir, liebe Angela, ein herzliches Dankeschön für diesen Einsatz!

Und für unsere Chorleitung schließlich war und ist es doppelt schwierig: sie müssen nämlich digital mit uns proben. Dazu starren sie in eine knopfgroße Kameralinse und ich stelle es mir wirklich schwer vor, so zu tun, als rede man jetzt gerade mit einem präsent vor Ort sitzenden Chor. Sie müssen die Stimmgruppen, mit denen sie üben, motivieren, bei Laune halten, zum Singen anhalten, Witze machen und auch noch antizipieren, an welcher Stelle die Stimmgruppe nun vielleicht Schwierigkeiten haben könnte. Daneben geduldig einzelnen SängerInnen immer wieder erklären, Kamera und Mikrofon auszuschalten. Das alles haben sie mit Bravour gemeistert und sogar noch einen ganzen Schwung neuer Stücke eingeführt, die wir jetzt digital proben können. Und wenn man sich die Zahlen der an diesen digitalen Chorproben teilnehmenden Mitgliedern anschaut, dann ist diese Zahl unverändert hoch. Lieber Ulli, lieber Jake: danke, dass Ihr uns so gut durch dieses Coronajahr geführt habt. Gerade auch für Euch war es ein schwieriges Jahr. Ich wünsche mir sehr, dass 2021 ein besseres Jahr wird und auch für Euch Musikschaffende endlich wieder Licht am Horizont sichtbar wird. Danke für Eure ganze Arbeit.

Licht am Horizont könnte ich auch gebrauchen, denn – wie eingangs erwähnt – leidet meine Disziplin mittlerweile gehörig. Ich trage zwar weiterhin pflichtbewusst Masken in der Öffentlichkeit – und weil es die mittlerweile auch für Normalbürger gibt – auch FFP2 Masken. Ich befolge jede der vielen Hygieneregeln, habe meine Kontakte auf ein absolutes Minimum reduziert, (was dem häuslichen Frieden des Aufeinanderhockens 24/7 übrigens zunehmend abträglich ist) und rufe weiterhin täglich die bis dato ziemlich nutzlose Corona App auf. Wäre es nicht so eine unangenehme Aussage, müsste ich sagen: ich bin ein Musterbürger.

Aber bei den ditigalen Chorproben, das gestehe ich hier verschämt ein, hat das Coronajahr tiefgreifende Defizite offenbart. Anfangs stob ich, die Noten schon einen Tag im Voraus geordnet, noch eine halbe Stunde vor Beginn der Probe vor meinen Rechner, sang mich gründlich ein und schmetterte aus vollem Halse mit. Alkohol vor der Chorprobe lehnte ich entrüstet ab, was dem gemütlichen Abendessen jedenfalls Dienstags einen gehörigen Dämpfer verpasste. Im Laufe der Zeit litt zuerst das Einsingen, das fiel immer öfter aus, dann meine körperliche Haltung vor dem Rechner. Einer meiner früheren Chorleiter beschrieb diese Haltung als „Schluck Wasser in der Südkurve“. Damit litt aber auch die Stimme, irgendwie war ich zunehmend kurzatmig und in die Höhe kam ich immer schlechter. Ich will allerdings nicht ausschließen, dass daran vielleicht auch die 4 – 5 kg Zuwachs an meinem Feinkostgewölbe schuld sind, die sich schleichend im Corona-Jahr 2020 dort breit gemacht hatten. Dafür waren die Abendessen auch an Dienstagen wieder gemütlicher und den Rest der Weinflasche nahm ich kurzerhand mit zum Rechner – schließlich sah es ja keiner dank ausgeschalteter Kamera. Und wenn es ein besonders guter Wein war, musste mitsummen manchmal reichen, konnte ja niemand kontrollieren. Ausgeschaltetem Mikro sei Dank. Oder man rief den Probenlink einfach zu einem späteren Zeitpunkt auf, wenns gerade günstiger war.

Damit ist jetzt Schluss. Jetzt ist 2021. Jetzt ist Schluss mit dem coronabedingten Lotterleben und jetzt heisst es: her mit den guten Vorsätzen. Den Forschern ist es gelungen, was die Weltgeschichte nicht für möglich gehalten hätte: innerhalb eines Jahres einen Impfstoff zu entwickeln, der es vielleicht im Laufe von 2021 möglich macht, mit vorsichtigen Schritten wieder das Leben aufzunehmen, das uns allen lieb und wert ist. Die zuerst zu schützen, die es am nötigsten haben. Und dann irgendwann wieder gemeinsam zu singen. Nicht digital, sondern „in echt“. Ein Freund sagte mir kürzlich: Euer Chor wird sich neu erfinden müssen. So ein Jahr geht nicht spurlos an einem vorüber. Damit mag er recht haben, wir werden alle viel üben müssen und unser Klang wird erst einmal nicht der sein, den wir schon erreicht hatten. So ist das dann halt. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir wieder wachsen werden. Yes, we can. Bis dahin wünsche ich uns allen ein zuversichtliches neues Jahr 2021. Bleibt alle gesund. Ich freue mich auf gemeinsame Proben in unserer guten alten Aula, die hoffentlich spätestens ab dem Herbst dieses Jahres wieder möglich sind.

Da war doch noch was? Ach ja: ich verspreche mir selbst, ab jetzt wieder disziplinierter in den digitalen Chorproben zu werden.

Anja Gallon